Seelengift

Ich habe heute von gefährlichem Gift geträumt.

Leute, viele von uns sind vergiftet, seelisch vergiftet. Auch ich! Und es ist nicht leicht, das Gift wieder los zu werden. Welches Gift? fragt ihr. Es sind die Achtlosigkeiten, die Gemeinheiten, die Missachtungen, die Ungerechtigkeiten und die tiefen Verletzungen, die wir erfahren haben. Alles ist reines Gift in unseren Seelen und auch Körpern. Das nagt in uns, zerfrisst uns von innen und wir sind mehr und mehr ungeniessbar für andere. Es schmerzt und brennt, was können wir tun?

Wenn wir wütend sind, ja, dann können wir Wut und Zorn hinausschreien. Wir können wild toben. Das können beängstigende Brüller sein. Doch die Gefahr ist gross, dass wir andere damit verletzen. Wir geben das Gift weiter und andere werden zu Recht wütend auf uns. Wir können von Opfern zu Tätern und Täterinnen werden und es kommt vielleicht der Tag, da wir uns dessen schämen.

Wenn wir traurig werden und uns hilflos fühlen, können wir weinen. Wir können weinen, wenn wir allein sind. Wenn wir genug geweint haben, können wir hart werden, damit uns niemand mehr verletzen kann. Wer hart wie Stein geworden ist, erlebt keine Freude mehr, stösst andere von sich, wird einsam. Oder wir weinen, wenn gute Seelen uns zuhören, uns trösten. Das ist wie Balsam und beruhigt. Aber ist die Hilflosigkeit dann mit den Tränen weggegangen oder bleibt sie?

Wir können vergeben. Jesus hat gelehrt, zu vergeben. Lange habe ich gedacht, die Vergebung ist für die Täter und Täterinnen, um eine Schuld von ihnen zu nehmen. Sie hilft ihnen also, entschuldigt sie. Damit habe ich mich schwergetan. Warum entschuldigen, dass mir Leid angetan wurde?

Ich dachte, das muss ich tun, ich muss es tun, weil Jesus so gelehrt hat, und auf Jesus soll man doch hören, brav sein, artig sein. Dann habe ich geübt, allein, in der stillen Kammer. Ich habe gesagt: „Ich vergebe Dir.“ Es hat sich nicht gut angefühlt. Ich war immer noch wütend, immer noch traurig. Ich fühlte, dass ich gelogen habe. Jesus hat auch gelehrt, nicht zu lügen.

Jetzt bin ich überzeugt davon, nicht zu vergeben. Und zwar so lange nicht, bis ich wirklich dazu in der Lage bin. Das braucht Zeit, viel Zeit. Vielleicht ein Leben lang. Vielleicht kann ich auch nach meinem Tod noch nicht vergeben und auch noch nicht im nächsten Leben. Auch wenn zu mir kommt, wer mir etwas angetan hat. Auch wenn er oder sie einsichtig zu mir kommt und bereut – auch dann will ich noch nicht vergeben, wenn ich noch nicht bereit bin dazu. Ich muss es auch nicht. Gott vergibt, ich darf mir Zeit geben. Erst wenn die Zeit meine Wunden geheilt hat, erst dann kann ich ehrlich und aufrichtig vergeben und das Gift wird wirkungslos, frisst und nagt nicht mehr an mir. Dann macht Vergeben mich gesund.

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