Wir sind im gemütlichen Stübli, das ich für uns reserviert habe.
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Die neunte Geburt
Es ist keine gute Zeit im Reich. Alle sind missmutig, die Ernten sind schlecht, die Arbeiten gelingen nicht, die Kinder lachen und spielen nicht. Selbst die Tiere wirken alle apathisch. Im grossen, weiten Lande spricht man nur vom Düsterreich und rätselt, warum das so ist.
Durch den blumenlosen Garten geht der König mit hängenden Schultern und setzt sich auf eine Bank. Trotz aller Bemühungen der Gärtner ist auch der Palastgarten grau und trostlos anzuschauen. Es ist kaum vorstellbar, dass dieser Garten einst ein pittoreskes Juwel erlesener Kunst des Gartenbaus war. Geschwungene Rabatten, verspielt ineinandergreifend, bepflanzt mit edlen Rosen und anderen seltenen Blumen aus fernen Ländern, zierten wie ein farbiges Mosaik die Beete. Diese waren eingefasst von sauber gestutzten kleinen Buchsbaumhecken welche gleichzeitig die dazwischenliegenden Wege aus buntem Kies säumten. Die verschlungenen Wege führten immer wieder zu kleinen Plätzen mit Sitzbänken um eine edel gestaltete Skulptur aus Marmor oder zu einem Springbrunnen, in dessen Wassertropfen die Sonnenstrahlen ihre heimlichen Farben des Regenbogens preisgaben.
Der König denkt an die schwangere Königin. Noch drei Wochen wären es bis zur Geburt. Doch er hat längst aufgegeben zu hoffen. Er hat nicht die Hoffnung auf einen Knaben, einen männlichen Thronfolger aufgegeben – er hat die Hoffnung aufgegeben, dass das Kind überhaupt lebend geboren wird. Nach acht Totgeburten ist dies die neunte Schwangerschaft. Was läuft nur falsch, denkt er traurig. Er mag nicht mehr beten, nicht mehr hoffen. Über einen Namen für ein Kind denkt er längst nicht mehr nach, wozu?
Neben der Bank kriecht eine weisse Schlange aus dem Rosenbusch ohne Blüten und mit hängenden Blättern. Der König bemerkt sie nicht, sein Blick ist auf den Boden vor seinen Füssen gerichtet. Die Schlange kommt näher und baut sich vor ihm auf. “König, was ist mit dir?”, fragt sie. Erst jetzt bemerkt er sie. Statt zu antworten, raunzt er sie an: “Was fällt dir ein? Geh weg! Ich will keine Schlangen in meinem Reich. Ihr seid alle böse. Geh, oder ich zertrete deinen Kopf mit meinem Stiefel im Staub.” “Das solltest du lieber nicht tun, es wäre schade”, erwidert die Schlange. “Ich kann helfen. Ich kann dafür sorgen, dass diese neunte Schwangerschaft glücklich endet.” ”Woher weisst du das? Wer hat dir das verraten?” Der König schaut die Schlange verärgert an. ”König, das ganze Reich weiss Bescheid, weiss warum nichts mehr gelingen will, warum die Saat nicht aufgeht und die Leute hungern.” “Selbst wenn du helfen könntest, warum solltest du das tun? Du bist eine Schlange, die sind falsch und verlogen. Ihr wollt den Menschen nichts Gutes”. “Ich bin eine weisse Schlange”, ist ihre Antwort. “Ich tue es, weil du mir zum Dank die Krone schenkst.” “Welche Krone?” will der König wissen. “Natürlich die Krone, die du für das tote Kind hast anfertigen lassen. So weit ist es mit dir gekommen. Du hast kein Vertrauen mehr in das Leben!”
Es ist nämlich so, dass der König jedem totgeborenen Kind eine Krone aus purem Gold mit glitzernden Diamanten mitgegeben hatte als Grabbeigabe. Weil er an nichts mehr glaubt, ist auch für das Kind im Bauch seiner Gemahlin eine Krone bereit.
Überrascht, dass sie das mit der Krone weiss, sagt er mürrisch: “Also gut. Wie willst du es machen?”
Ohne zu antworten, kriecht die Schlange los mit hocherhobenem Kopf, dreht sich nach kurzer Strecke um zum König, der noch immer auf der Bank sitzt, den Kopf in die Hände gestützt, tief in trüben Gedanken. “Was ist? Kommst du?”, zischt sie ihn an. Er folgt ihr schweigend zum Schloss und weiter zur Königin.
Sie schläft in ihrem Gemach. Die Schlange nähert sich, kriecht auf ihr Bett und öffnet ihren Mund mit dem Giftzahn. “Was tust du?!” herrscht der König die Schlange an und zieht seinen Dolch, bereit, ihr den Kopf abzuschneiden. “Bleib ruhig!” Die Schlange schaut ihn an. “Ich beiss nur leicht. Ein voller Biss würde sie töten und ihr ein anderes Leben schenken. Jedoch, ich will ihr nur von meiner Lebenskraft geben, die fehlt ihr nämlich schon seit langem.” Der König hält misstrauisch inne, bleibt aber bereit mit erhobenem Dolch. Allerdings, nach acht toten Kindern ist nicht nur die Hoffnung gestorben, sondern auch jegliche Freude und Liebe. Was haben sie schon zu verlieren, der König und die Königin? Dann stürben sie halt. Die Schlange setzt erneut an und beisst die Königin ganz sanft, direkt über ihrer linken Ferse. Sie erwacht nicht einmal richtig, seufzt nur leise und schläft weiter. Die Schlange geht. Der König bleibt noch lange auf einem Stuhl neben dem Bett sitzen und betrachtet seine schlafende Frau. Soll er es wirklich wagen, wieder zu hoffen?
Während er noch lange die Stelle betrachtet, wo sie verschwunden ist, kriecht die goldene Schlange mit der Krone in ihr Nest unter der Erde. Dort liegt ihr gesammelter Schatz. Sie legt die Krone dazu, ringelt sich ein und beginnt, sich zu häuten. Aus der alten Haut steigt die Göttin. Sie ist reines Licht und ein Lichtstrahl durchdringt die Erde, um zum Himmel aufzusteigen.
Drei Wochen später herrscht fiebriges Treiben im Palast. Die Wehen haben begonnen und Zofen eilen hin und her, bringen heisses Wasser und frische Tücher. Die Hebamme gibt die Kommandos und spricht der gebärenden Frau Mut zu. ”Ja, du machst das gut, ich sehe schon das Köpfchen. Noch einmal pressen dann hast du es geschafft. Brave Mama!” Im Nebenzimmer geht der König unruhig auf und ab. Seine Nerven sind schier bis zum Zerreissen gespannt. Seit sieben Stunden geht das schon so. Da! Ein Schrei aus dem Schlafgemach. Das ist nicht die Königin – kann es wirklich sein … Der König bleibt mitten in der Bewegung wie versteinert stehen. Er traut seinen Ohren nicht – noch ein Schrei … “Es ist ein Junge”, eine Zofe stürmt herein. Der König starrt sie fassungslos an, verdreht die Augen und droht, in Ohnmacht zu fallen. Die Zofe stützt ihn. Eine zweite Zofe kommt der ersten nach. ”Es sind Zwillinge, noch ein Mädchen.” Sie eilt den beiden zu Hilfe. Gemeinsam begleiten die Frauen den Mann und stützen ihn. Er schwankt, als wäre er betrunken. Ihm ist schwindlig. Schon an der Schwelle fasst er sich wieder, sieht die Mutter erschöpft, aber glücklich da liegen, während sich die Hebamme um die Babys kümmert und den Zofen Anweisungen gibt. Der König setzt sich ans Bett seiner Königin. Er hält und küsst ihre Hand, streicht ihr zärtlich die nassen Locken aus der Stirn und tupft mit seinem seidenen Taschentuch den Schweiss ab. Sie schaut ihn mit glänzenden Augen und geröteten Wangen an. “Das habt ihr drei gut gemacht, meine Geliebte, meine Königin”. Er beugt sich zu ihr und küsst sie.
“Sie sollen Konstantin und Fernanda heissen. Ich kannte ihren Namen im Augenblick, da sie atmeten.” “So soll es sein”, sagt er nur.
Freude, Liebe und Glück bestimmen nun den Alltag der jungen Familie und breiten sich aus auf den gesamten Palast und alle, die darin wohnen, fliessen weiter über das gesamte Reich. Der Garten grünt und blüht in alter Pracht, der Palast scheint zu leuchten und überall stehen frische Blumen. Auf den Feldern singen die Bauern und in den Werkstätten und Wohnungen wird fröhlich gelacht und gescherzt. Eine reiche Ernte erwartet die Menschen. Fährt königliche Familie in ihrer goldenen Kutsche vorbei, bleibt das Volk stehen und jubelt ihnen zu. Die Männer schwenken ihre Hüte und die Frauen stimmen ein Lied an: Hoch soll sie leben, die königliche Familie. Gott beschütze und segne sie. Die Engel sollen Prinz Konstantin und Prinzessin Ferdinanda auf allen Wegen begleiten.
Der König sitzt auf der Bank im Garten, auf seinen Knien ein Samtkissen im Blau der Könige, darauf eine kleine Krone. Aus dem nun blühenden und duftenden Rosenstrauch nähert sich die weisse Schlange. “Kann ich dir jemals genug danken?” “Du hast die Krone mitgebracht, das ist Dank genug, das war unser Handel.” Er schaut sie an. Kann es sein, dass Schlangen lächeln? Er nimmt die Krone feierlich in beide Hände, die Schlange erhebt sich stolz. Er kniet zu ihr hinab und während er die Krone über ihrem Haupt hält, spricht er den Segen: Möge Gott dich auf all deinen Wegen begleiten und beschützen. Möge dein geheimnisvolles Gift nie versiegen. Er krönt die Schlange und im Augenblick wird aus der weissen Schlange eine goldene. Sie den König an, neigt leise ihr gekröntes Haupt, kriecht würdevoll zum Rosenbusch zurück und verschwindet.

